Die Stadt Monheim am Rhein trauert um ihre Ehrenbürgermeisterin Ingeborg Friebe. Die langjährige Bürgermeisterin und Präsidentin des nordrhein-westfälischen Landtags ist am Dienstag, 11. August, im Alter von 95 Jahren verstorben. Mit ihr verliert Monheim am Rhein eine der bedeutendsten und prägendsten Persönlichkeiten seiner Stadtgeschichte.
Wie bei kaum einer anderen Person ist Ingeborg Friebes politisches Wirken mit der Entwicklung Monheims zu dem verbunden, was es heute ist: eine lebenswerte Stadt. Als junge Landtagsabgeordnete kämpfte sie 1975 und 1976 mit Mut, Beharrlichkeit und großem politischen Geschick für die Wiedererlangung der Monheimer Selbstständigkeit. Anschließend stand sie etwas mehr als 21 Jahre als Bürgermeisterin an der Spitze ihrer Wahlheimat und gestaltete deren Entwicklung entscheidend mit. Auch auf Landesebene schrieb sie Geschichte: Von 1990 bis 1995 war sie als erste Frau Präsidentin des nordrhein-westfälischen Landtags.
Bürgermeisterin Sonja Wienecke: „Ingeborg Friebe war eine beeindruckende Frau und eine große Persönlichkeit unserer Stadt. Die Gespräche mit ihr, an ihrem 95. Geburtstag und rund um meine Kandidatur als Bürgermeisterin, haben mir viel Stärke gegeben. Ihre Herzlichkeit und Klarheit werde ich in besonderer Erinnerung behalten. Vor dem, was sie für Monheim geleistet hat, kann ich mich nur verneigen. Unsere Stadt hat ihr wirklich unglaublich viel zu verdanken.“
Monheims „Mutter Courage“
Als Ingeborg Friebe am 4. Mai 1975 erstmals in den nordrhein-westfälischen Landtag gewählt wurde, gab es die selbstständige Stadt Monheim nicht mehr. Im Zuge der kommunalen Neugliederung waren Baumberg und Monheim zum Jahresbeginn nach Düsseldorf eingemeindet worden. Friebe, die zuvor bereits dem Monheimer Rat und dem Kreistag des Rhein-Wupper-Kreises angehört hatte, machte die Wiedererlangung der Selbstständigkeit zu einem ihrer wichtigsten politischen Ziele.
Nachdem der Verfassungsgerichtshof die Eingemeindung nach Düsseldorf Ende 1975 für verfassungswidrig erklärt hatte, war der Kampf noch nicht gewonnen. Nun stand eine Zusammenlegung Monheims mit Langenfeld im Raum. Friebe nutzte ihr noch junges Landtagsmandat, um über Parteigrenzen hinweg Unterstützerinnen und Unterstützer für ein selbstständiges Monheim zu gewinnen.
Die entscheidende Abstimmung fand am 19. Mai 1976 statt. Nach mehr als dreistündiger Debatte kam es im Landtag zum sogenannten Hammelsprung. 103 Abgeordnete stimmten schließlich gegen die geplante Zusammenlegung mit Langenfeld, nur 88 dafür. Friebe „bewachte“ dabei höchstpersönlich die Tür mit den Ja-Stimmen und wies den Abgeordneten nur richtigen Weg. „Ich habe sie nur angeschaut…“ Einen Tag später wurde die wiedergewonnene Selbstständigkeit Monheims auch formal besiegelt. In der Bevölkerung brachte ihr der erfolgreiche Kampf den Beinamen „Mutter Courage“ ein.
Der Erfolg war dabei nicht allein das Ergebnis parlamentarischer Debatten. Ingeborg Friebe verstand es, Menschen auch über Parteigrenzen hinweg für ihre Sache zu gewinnen, persönliche Beziehungen aufzubauen und politische Mehrheiten zu organisieren. Beharrlichkeit, Pragmatismus und Bürgernähe prägten auch später ihren politischen Stil. Ein von ihr überliefertes Motto brachte diese Haltung auf den Punkt: „Da schwätzt man nicht lang, das tut man halt.“
21 Jahre Bürgermeisterin
Noch im selben Jahr begann der zweite große Abschnitt von Friebes Wirken für Monheim. Bei der Kommunalwahl im Oktober 1976 errang die SPD mit ihr als Spitzenkandidatin die absolute Mehrheit. Am 21. Oktober wählte der Rat Ingeborg Friebe zur Bürgermeisterin und damit zur ersten Frau in diesem Amt. 21 Jahre lang blieb sie an der Spitze der Stadt.
In dieser Zeit galt es, die wiedergewonnene kommunale Selbstständigkeit mit Leben zu füllen und das Selbstbewusstsein der jungen Stadt zu stärken. Zahlreiche Weichenstellungen aus Friebes Amtszeit prägen Monheim am Rhein bis heute. Dazu gehörten der Ausbau der sozialen und technischen Infrastruktur, die Eröffnung des Freibads und der Feuer- und Rettungswache, die Gründung der ersten Gesamtschule, die Ansiedlung des Bayer-Pflanzenschutzzentrums und die Verlegung der Bahngleise aus der Innenstadt. Mit dem Bau der beiden Rathaus-Center-Abschnitte entstand in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren erstmals eine zentrale Stadtmitte.
Auch der Blick über die Stadtgrenzen hinaus war Ingeborg Friebe wichtig. Bereits 1973 war sie an der Gründung des deutsch-israelischen Studienkreises der Volkshochschule beteiligt. Die daraus gewachsenen freundschaftlichen Beziehungen zu Israel mündeten 1989 in die Städtepartnerschaft mit Tirat Carmel. Für den Erhalt und die Entwicklung von Haus Bürgel engagierte sich Friebe ebenfalls über viele Jahre.
Erste Frau an der Spitze des Landtags
Parallel zu ihrem Bürgermeisteramt machte Ingeborg Friebe auch landespolitisch Karriere. Von 1975 bis 1995 gehörte sie dem nordrhein-westfälischen Landtag an. 1980, 1985 und 1990 gewann sie jeweils das Direktmandat in ihrem Wahlkreis. 1985 wählte der Landtag sie zur Vizepräsidentin. Fünf Jahre später wurde sie als erste Frau in der Geschichte Nordrhein-Westfalens Präsidentin des Landesparlaments.
Geboren wurde Ingeborg Friebe als Ingeborg Röhr am 20. April 1931 in Braunschweig. Sie wuchs in einer politisch engagierten Familie auf, deren Eltern während des Nationalsozialismus Repressalien durch die Gestapo ausgesetzt waren. Schon als Jugendliche engagierte sie sich in der Jugendbewegung. 1946 trat sie der Gewerkschaft bei, seit 1950 gehörte sie der SPD an. Beruflich war sie viele Jahre für den Deutschen Gewerkschaftsbund und die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen tätig.
Ende 1966 zog sie mit ihrem Ehemann Horst Friebe und den beiden Söhnen nach Baumberg. 1969 wurde sie sowohl in den Monheimer Rat als auch in den Kreistag des Rhein-Wupper-Kreises gewählt. Damit begann eine politische Laufbahn, die weit über Monheim hinaus Bedeutung erlangen sollte.
Höchste Auszeichnungen für ihr Lebenswerk
Nach dem Ende ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin blieb Ingeborg Friebe der Monheimer Kommunalpolitik zunächst als stellvertretende Bürgermeisterin verbunden. 1999 schied sie aus dem Rat aus.
Für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement erhielt sie zahlreiche hohe Auszeichnungen. Mehrfach wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Zu ihrem 60. Geburtstag im Jahr 1991 ernannte Monheims österreichische Partnerstadt Wiener Neustadt sie zur Ehrenbürgerin. 1996 erhielt sie mit dem Ehrenring die höchste Auszeichnung der Stadt Monheim am Rhein.
Eine besondere Würdigung folgte im Jahr 2000: Für ihre Lebensleistung zum Wohle der Stadt wurde Ingeborg Friebe zur Ehrenbürgermeisterin ernannt. Diese Auszeichnung ist in Monheim am Rhein bis heute einmalig.
Zu ihrem 90. Geburtstag am 20. April 2021 setzte die Stadt ihrer Ehrenbürgermeisterin schließlich auch im Stadtbild ein dauerhaftes Zeichen. Der zentrale Platz rund um den Busbahnhof erhielt den Namen Ingeborg-Friebe-Platz.
Die Lage könnte kaum symbolträchtiger sein: Der Platz befindet sich mitten in jener Stadtmitte, deren Entwicklung Ingeborg Friebe während ihrer Amtszeit selbst entscheidend mit auf den Weg gebracht hatte.
Als Zeichen der Trauer um Ingeborg Friebe werden die Fahnen vor dem Rathaus am Mittwoch, 12. August, auf Halbmast geflaggt. Zudem wird im Rathaus im Raum 1114 ab Donnerstag, 13. August, ein Kondolenzbuch ausgelegt, in das sich Bürgerinnen und Bürger eintragen können, um ihrer Anteilnahme Ausdruck zu verleihen und der ehemaligen Bürgermeisterin zu gedenken. (ts)


