Monheim am Rhein in einen helleren Ort verwandelt

Die Stolperstein-Verlegung zur Erinnerung an vertriebene Monheimerinnen und Monheimer jüdischen Glaubens fand erstmals im Beisein mehrerer Nachfahren statt

Großcousin und Großcousine: Ilana Brautmann und Adam Dale knien vor den Stolpersteinen, die an ihre Vorfahren erinnern. Ilana Brautmann war eigens aus Tel Aviv angereist, um der Stolpersteinverlegung in Gedenken an ihre Mutter Marga Blumenfeld beizuwohnen. Sie hatte Monheim am Rhein 1933 als 19-Jährige in Richtung Palästina verlassen. Adam Dale reiste aus London an. Er ist der Enkel von Artur Blumenfeld, dem Bruder von Marga. Er immigrierte über Palästina später in die USA. Foto(s): Michael Hotopp

Rund 100 Gäste wohnten der Verlegung von neun Stolpersteinen am 18. März in der Frohnstraße bei.

Bürgermeister Daniel Zimmermann betonte in seiner Ansprache: „Das Erinnern ist so wichtig, weil wir die Opfer und die Menschen ehren wollen, die sich mutig der Politik der Nazis entgegengestellt haben, und weil wir die Geschichte als Ermahnung begreifen müssen, Antisemitismus und Intoleranz zu bekämpfen. Wir müssen für Respekt und Toleranz aufstehen, weil wir wissen, dass deren Gegenteile in die Katastrophe geführt haben.“

Dass der Stadt die große Ehre zuteilwurde, dass diesmal auch Nachfahren der Vertriebenen der Verlegung beiwohnten, ist ganz sicher auch eine positive Folge davon, mit welcher Ernsthaftigkeit, Akribie und Aufrichtigkeit die Erinnerungskultur in der Verwaltung an verschiedenen Stellen hochgehalten wird. Der Kontakt kam erst als Ergebnis der so intensiv betriebenen Nachforschungen zustande.

Auch Loimi Brautmann begeisterte mit seiner Ansprache im Ratssaal und schildert eindrücklich das Schicksal von Immigranten. Dabei verwies auch er auf die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine, die erneut zu Flucht und Vertreibung führen.

Die Delegation der Stadtverwaltung aus Tirat Carmel mit Stadtdirektor a. D. Shmulik Katoni, Ratsfrau Efrat David Sason, Bürgermeister Arie Tal und Rechtsberater Moshe Elik (v.l.n.r.).

Steinverlegung vor dem Haus an der Frohnstraße 26 mit den Nachkommen der Familie Herz.

Die von der Stadt bereits in dritter, immer wieder erweiterter und aktualisierter Auflage herausgegebene Broschüre „Erinnern statt vergessen“ gibt es in gedruckter Form kostenlos im Rathaus und auf der städtischen Internetseite als PDF zum Download. In beiden Formen ist sie auch in englischer Sprache erhältlich. Foto: Sonja Felten

Erinnern statt vergessen, das hat sich Monheim am Rhein bereits seit vielen Jahren zur festen Aufgabe gemacht – für Gegenwart und Zukunft. Einen zentralen Baustein bildet dabei das Stolperstein-Projekt. Von allen Verlegungen gehörte die jüngste Veranstaltung dabei zweifelsfrei zu den Eindrucksvollsten – weil den Monheimerinnen und Monheimer diesmal eine ganz besondere Ehre zuteilwurde: Neben einer israelischen Delegation aus Monheims Partnerstadt Tirat Carmel, um deren Bürgermeister Arie Tal, wohnten der Zeremonie am Freitag erstmals auch gleich mehrere Nachfahren jener Menschen bei, zu deren Gedenken an diesem strahlenden Frühlingstag jeweils ein durch den Künstler Gunther Demnig gestalteter Stein verlegt wurde.

Und anders als bei der ersten Stolperstein-Verlegung im Jahr 2003, wo zunächst der 13 jüdischen Todesopfer und dem ob seines mutigen Widerstands getöteten Pfarrers Franz Boehm gedacht wurde, wurden an diesem Freitag, 18. März, nun auch Stolpersteine für jene jüdischen Opfer verlegt, die zwar mit dem Leben davonkamen, jedoch ebenso Opfer von Rassismus und Vertreibung wurden. Sie alle verloren in den 1930er- und 1940er-Jahren ihre Monheimer Heimat.

Verlegt wurden neun Steine in der Frohnstraße 26, wo einst Helena und Hermann Wagner sowie Isidor Herz ihre Wohnungen hatten, sowie an der Frohnstraße 14, wo Ella, Felix, Arthur und Marga Blumenfeld sowie Walter Herz und Erika Dahl bis zu ihrer Vertreibung lebten.

Ihre Einzelschicksale beschrieb Bürgermeister Daniel Zimmermann in einer wechselnd in Deutsch und Englisch gehaltener Rede. Arie Tal hob die Bedeutung der seit 33 Jahren gepflegten Freundschaft zwischen Tirat Carmel und Monheim am Rhein hervor und mahnte, nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit, sondern auch angesichts der aktuellen schrecklichen Bilder von Flucht und Vertreibung in der Ukraine, „die Zukunft unserer Kinder gemeinsam zu einem sichereren Hafen“ zu gestalten.

Die Folgen von Flucht und Vertreibung

Neben den beiden Bürgermeistern schritt vor der Verlegung auch Loimi Brautmann im Ratssaal ans Rednerpult. Und die Rede des Enkels von Marga Blumenfeld, der mit seiner Schwester Stefanie und Mutter Ilana Brautmann sowie weiteren Familienangehörigen zur Stolperstein-Verlegung gekommen war, beeindruckte tief. Seine Großmutter hatte Monheim am Rhein als 19-Jährige kurz nach der Machtergreifung der Nazis 1933 in Richtung Palästina und damit in ein für sie völlig fremdes Land verlassen. Eine Entscheidung die ihr schwerfiel, die ihr aber vermutlich selbst das Leben gerettet und das ihrer Nachkommen erst ermöglicht hat. 

Loimi Brautmann sprach an diesem Tag wohl stellvertretend für alle anwesenden Hinterbliebenen als er erzählte: „In den Familien der Kinder und Enkelkinder wurde nicht viel über diesen Teil unserer Vergangenheit gesprochen. Monheim – das war für uns ein eher grauer Fleck, ein Ort, von dem unsere Vorfahren flüchten müssten. Es ist für uns daher etwas Besonderes, gerade bei diesem schönen Wetter, nun in diese Stadt zu kommen, um sie von einem dunklen Ort in etwas Helleres zu verwandeln“.

Und so erzählte Loimi Brautmann in ungemein sympathischer Weise, eher locker am Rednerpult, fast wie an einem Tresen, stehend, von seiner bewegten Immigrationsgeschichte und den Folgen von Entwurzelung – und tatsächlich von so einigen Thekenbegegnungen, wie er sie schon häufig in Deutschland erlebt habe und bei denen ihm seine Gesprächspartner manchmal ab dem dritten Bier anvertrauen würden: „Du bist der erste Jude überhaupt, dem ich in Deutschland bewusst begegne.“ – Nun, es gäbe ja nun halt wirklich leider nicht mehr allzu viele von ihnen, räumte Brautmann ein. Manchmal würde er nach dem fünften Bier dann aufgefordert: „Erzähl mir etwas über die jüdischen Menschen und Deine Geschichte.“

„Und dann erzähle ich“, so Loimi Brautmann, und nahm diesmal einen ganzen Ratssaal mit. Ich erzähle dann von meinen wundervollen Vorfahren, die hier lebten, von meiner Großmutter, die Monheim geliebt hat. Wissen Sie, wie die deutschen Juden, die nach Palästina immigrierten, von den der dortigen Bevölkerung genannt wurden? Sie nannten sie Jeckes – das kennt man hier im Rheinland ja.“ Sie waren dort Fremde im eigenen Land. Brautmann: „Für meine Großmutter war Israel vor allem ein staubiges Land, kein wirklich sicherer Ort, an dem auch immer wieder Konflikte aufbrachen. Und so kehrte sie in den Sechziger-Jahren tatsächlich wieder nach Deutschland zurück und wurde in Frankfurt ansässig. 1989 ging es dann mit der Familie wieder zurück nach Israel. Es war immer noch staubig, aber moderner.“ Mit dabei: Loimi Brautmann und seine Mutter Ilana. Bei einem Besuch der in Deutschland verbliebenen Schwester verliebte sich Loimi dann im Zug ausgerechnet in eine Deutsche. Gut, er habe sie zunächst für eine Spaniern gehalten, gesteht er lachend, aber infolge dessen führte ihn sein Weg dann eben wieder zurück nach Deutschland und an den Main. Es seien immer zwei Herzen die in Immigranten schlügen, so Brautmann. Und seine Gesprächspartner am Tresen eröffneten ihm dann irgendwann nach dem sechsten Bier oft: „Jetzt verstehe ich euch besser. Und Du bist so…, so normal…“

Im Ratssaal ließ Loimi Brautmann am Freitag den Blick danach aus dem Ratssaal über die sonnige Krischerstraße schweifen. „Schauen wir auf diesen blauen Himmel. Stellen wir uns vor, dass der Himmel genauso aussah, als die Menschen der Familien Herz, Blumenfeld, Dahl und andere ihr Monheim für das letzte Mal im Leben verließen. Er war nicht Schwarz-Weiß – und da lief auch kein alter Film. Das war real. Der Rhein und die Stadt hatten die gleichen bunten Farben wie in diesen Frühlingstagen. Und diese Menschen haben Monheim am Rhein geliebt, sie haben einander geliebt, so wie wir das heute tun. So lange wir uns an sie erinnern, leben sie noch. Und während wir uns unter diesem blauen Himmel an sie erinnern, flüchten gerade wieder Menschen vor Krieg, müssen immigrieren und irgendwo ganz neu anfangen wo sie fremd sind. Öffnen wir unsere Herzen für sie“, appellierte Brautmann.

 Aufstehen für Respekt und Tolleranz

Was geschehen sei, lasse sich nicht wieder gut machen, unterstrich Bürgermeister Daniel Zimmermann. „Ein ganzes Land, eine ganze Stadt, unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern tragen Schuld für das Leid, das sie so vielen Menschen auch hier in Monheim am Rhein angetan haben.“ Umso dankbarer sei man, die Erinnerung an das Geschehene nun gemeinsam wachhalten zu können.

67 Stolpersteine wurden seit 2003 in Monheim am Rhein verlegt. 13 davon für die ermordeten Juden, für Hedwig und Felix Dahl, für Irma Herz, ihre Eltern sowie weitere Angehörige der Familie Herz. 52 Stolpersteinen sind den Menschen aus Osteuropa, aus Frankreich, Italien und anderen Ländern gewidmet, die in Monheim am Rhein Zwangsarbeit leisten mussten und dabei in vielen Fällen ihr Leben ließen. Ein Stolperstein erinnert an Franz Boehm, den Monheimer Gemeindepfarrer, der 1944 nach Dachau verschleppt starb.

Neun weitere wurden nun ergänzt. Bürgermeister Daniel Zimmermann: „Wie könnten wir Freundschaften zu unseren Partnerstädten in Israel, Polen und Frankreich aufbauen, ohne uns selbst mit unserer eigenen Geschichte zu konfrontieren? Das Erinnern ist so wichtig, weil wir die Opfer und die Menschen ehren wollen, die sich mutig der Politik der Nazis entgegengestellt haben, und weil wir die Geschichte als Ermahnung begreifen müssen, Antisemitismus und Intoleranz zu bekämpfen. Wir müssen für Respekt und Toleranz aufstehen, weil wir wissen, dass deren Gegenteile in die Katastrophe geführt haben.“

Auch diese Stolperstein-Verlegung wurde von Lesungen und Musikbeiträgen durch Monheimer Schülerinnen und Schüler der Peter-Ustinov-Gesamtschule begleitet. Unter der Leitung von Städtepartnerschaftskoordinator Eli Fedida waren zudem mehrere Lehrkräfte der Shifman High School aus Tirat Carmel zum fachlichen Austausch mit nach Deutschland geflogen. Dafna Graf, die das Stolperstein-Projekt in der Abteilung Interkulturalität und Städtepartnerschaften koordiniert: „Die Resonanz der Familienangehörigen auf die Veranstaltung war ausgesprochen positiv. So viele habe mir gegenüber betont, dass sie Monheim am Rhein ganz neu in ihr Herz geschlossen haben. Unsere Stadt hat neue Freundinnen und Freunde gewonnen, die von ihren Erlebnissen ganz sicher zuhause in London, Tel Aviv und Offenbach erzählen werden.“ Stephanie Hollerbaum, Tochter von Irma Herz: „Für mich hat sich hier heute ein Kreis geschlossen. Ich habe viel Neues über meine eigene Familiengeschichte erfahren.“ Und Loimi Brautmann bestätigt: „Für mich hat sich Monheim am Rhein in diesen Tagen tatsächlich in einen helleren Ort verwandelt.“ (ts)

Alle Informationen rund um das breit angelegte Stolperstein-Projekt in Monheim am Rhein und zu den Einzelschicksalen der Menschen, für die nun Stolpersteine zur Erinnerung verlegt wurden, gibt es [intern]hier.
Die vollständige Rede von Bürgermeister Daniel Zimmermann gibt es [PDF]hier.

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