Das Schicksal von 1400 Zwangsarbeitern im Dritten Reich

Karl-Heinz Hennen erforschte Monheimer Geschichte / Buch jetzt erschienen

Während des Dritten Reichs mussten in Monheim, Baumberg und Hitdorf rund 1400 Frauen und Männer Zwangsarbeit leisten. In der lokalen Geschichtsschreibung wurden sie bisher allenfalls am Rande erwähnt. Das ändert sich nun gründlich mit dem Buch „Zwangsarbeit in Monheim, Baumberg und Hitdorf“. Autor der Studie ist Dr. Karl-Heinz Hennen (69), ehemaliger langjähriger Leiter der Monheimer Volkshochschule. „Die Studie ergänzt frühere Veröffentlichungen über die Zeit des Dritten Reichs und erweitert unsere Kenntnisse über die damaligen örtlichen Verhältnisse beträchtlich“, sagte Bürgermeister Daniel Zimmermann heute bei der Vorstellung des Buchs.

In der umfangreichen Publikation zeichnet Karl-Heinz Hennen viele persönliche Schicksale nach. Als Grundlage für seine Forschungen diente ihm die im Monheimer Stadtarchiv erhaltene Namenskartei der Zwangsarbeiter. Die detaillierte Auswertung ergab, dass die Zwangsarbeiter keineswegs nur in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurden, sondern in nahezu sämtlichen Wirtschaftszweigen. Sie wurden schlecht untergebracht und ernährt, unzureichend medizinisch versorgt und kaum entlohnt. Dabei wäre ohne die Zwangsarbeiter nicht nur die Industrieproduktion zusammengebrochen, sondern auch die Versorgung der Bevölkerung.

Hennen arbeitete mehrere Jahre an seiner Untersuchung. „Als Glücksfall erwies sich die umfangreiche Meldekartei. Sie geht bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück, als viele ausländische Arbeitskräfte freiwillig hier tätig waren. Ebenso waren (fast) alle Zwangsarbeitskräfte erfasst. Außer Personal- sowie An- und Abmeldedaten enthalten die Karten Wohnadressen, Arbeitgeber, Urlaube, Korrespondenzerlaubnisse, Krankenhausaufenthalte, Todesursachen und anderes mehr“, berichtet Hennen. Insgesamt ermittelte er rund 1900 Personen – die Gesamtauswertung ist einer dem Buch beigefügten CD zu entnehmen.

Herausgeber des Buchs „Zwangsarbeit in Monheim, Baumberg und Hitdorf“ ist die Stadt Monheim am Rhein. Zuschüsse zu den Druckkosten gewährten die Firma Uniferm und die MEGA Monheimer Elektrizitäts- und Gasversorgung. Das Buch (broschiert, 210 Seiten mit beigefügter CD) ist für 12,95 Euro erhältlich bei der Bücherstube Rossbach, Alte Schulstraße 35.

Autor Karl-Heinz Hennen und Bürgermeister Daniel Zimmermann stellen das Buch vor am Mittwoch, 5. September, ab 19.30 Uhr in der Bibliothek, Tempelhofer Straße 13. Die Teilnahme ist kostenlos.

Zum Inhalt des Buches

Monheim, Baumberg und Hitdorf vor 1939: Von 1900 bis 1939 stieg die Einwohnerzahl von 4871 auf 7849, also um rund sechzig Prozent. Zugleich veränderte sich die Sozialstruktur erheblich. In den weitgehend landwirtschaftlich orientierten Gemeinden fand eine bemerkenswerte Industrialisierung statt. Dieses Kapitel wird damit auch zu einer kleinen Wirtschaftsgeschichte. Eines der überraschenden Resultate ist der überdurchschnittlich hohe Rückgang von deutschen Arbeitskräften in der Landwirtschaft, den man durch die Anwerbung von mehr als 400 ausländischen Arbeitskräften auszugleichen versuchte. Prozentual liegt das um mehr als das Doppelte über dem Reichsdurchschnitt.

Ausländische Arbeitskräfte und Zwangsarbeit

In den beiden folgenden Kapiteln werden, nach Nationalitäten geordnet, zunächst die ausländischen Arbeitskräfte und dann die Zwangsarbeitskräfte nach den soziographischen Daten erfasst. Im Vergleich der Nationalitäten zeigen sich dann erhebliche Unterschiede in der Geschlechterverteilung, der Altersstruktur und der Aufenthaltsdauer.

Perspektivwechsel

In weiteren Kapiteln werden die Perspektiven der Betrachtung verändert. Zunächst werden die persönlichen Lebensumstände der Zwangsarbeitskräfte betrachtet, etwa Eheschließungen, Geburten, Krankenhausaufenthalte, Verhaftungen und Todesfälle. Es folgt eine Erläuterung, wie der Status von Kriegsgefangenen in den von Zwangsarbeitern umgewandelt wurde.

In den nächsten Kapiteln wird dargestellt, welche Bedeutung Zwangsarbeit für Industrie, Gewerbe, Verwaltung, Landwirtschaft und Handwerk hatte. Es kann festgestellt werden, dass nicht nur in der unmittelbaren Rüstungsindustrie, etwa bei den Firmen Pötz & Sand und Rhenania-Ossag, und bei den Zulieferern, Rheinische Pappenfabrik sowie Rheinische Presshefe- und Spritwerke AG, sondern auch in anderen Gewerben wie den Kiesbaggereien, der Ziegelei, dem Baugewerbe, der Hitdorfer Brauerei und anderen Betrieben ohne den massiven Einsatz von Zwangsarbeit die Produktionsziele nicht zu erreichen gewesen wären. Selbst die unmittelbare tägliche Versorgung durch Landwirtschaft und Handwerk wäre nicht aufrechtzuerhalten gewesen.

Dabei gingen die Betriebe höchst unterschiedlich mit ihren Zwangsarbeitskräften um. Gemessen an den Zeitumständen behandelten die Pappenfabrik und die Spritwerke ihr Personal relativ gut. Wer in Baubetrieben arbeitete, hatte mit widrigen Bedingungen zu tun. Das schlechteste Los hatten die Arbeitskräfte bei Pötz & Sand und Rhenania-Ossag – mit Unterkünften auf engstem Raum einerseits und am Standort der wichtigsten Rüstungsbetriebe, die der stärksten Bombardierung ausgesetzt waren.

Bei den damals noch zahlreichen Landwirtschaftsbetrieben zeigt sich an vielen Beispielen, dass von angeblich besseren Arbeitsbedingungen nicht die Rede sein kann. Außerdem ist bei den großen Bauernhöfen der Übergang von Ausländerarbeit zu Zwangsarbeit gut nachvollziehbar.

Wie Zwangsarbeitskräfte zu behandeln waren, hatte die NS-Regierung in vielen Gesetzen, Verordnungen und Erlassen bis ins Detail festgelegt. Eine umfangreiche Sammlung solcher Vorschriften enthält die dem Buch beigegebene CD. Bei diesen Anweisungen gab es eine rassenideologische Rangfolge, die die Russen am schlechtesten einstufte. Ukrainern, Polen und anderen osteuropäischen Zwangsarbeitskräften erging es nicht viel besser.

Niederländer, Flamen, Briten und Nordeuropäer dagegen galten als rassenideologisch gleichwertig, was ihnen, bei immer noch schlechten Bedingungen, Vorteile verschaffte. Unter den West- und Südeuropäern hatten die Italiener, die ja nach dem Sturz des Mussolini-Regimes als Verräter galten, den schlechtesten Stand.

Vieles davon spiegelt sich in den örtlichen Verhältnissen. Aber es gibt auch bemerkenswerte Unterschiede. So wurden niederländische Zwangsarbeitskräfte deutlich besser behandelt als belgische. Die Erklärung ist einfach: Die meisten waren bei niederländischen Tochterunternehmen beschäftigt.

Entschädigungsfrage

Im Schlusskapitel wird die Frage der Entschädigung für Zwangsarbeitskräfte diskutiert. Dabei ergab sich eine nicht vorhersehbare Aktualität. 1999 wurde, vor allem zur Klärung der Situation osteuropäischer Zwangsarbeitskräfte, die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gegründet, die inzwischen ihre Aufgabe erfüllt hat. Dabei sind die polnischen Kriegsgefangenen, die entgegen der Genfer Konvention als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, ebenfalls entschädigt worden.

In einer ähnlichen Situation befanden sich jedoch auch die italienischen Kriegsinternierten. Mehr als 100.000 von ihnen lebten noch und einige strengten in Italien mit Erfolg Entschädigungsklagen an. Schließlich musste der Internationale Gerichtshof in Den Haag entscheiden. Er fällte sein Urteil am 3. Februar 2012 zugunsten von Deutschland und erklärte Klagen von Privatpersonen gegen einen Staat für unzulässig.

Abschließende Bemerkungen

Im Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland insgesamt etwa 13,5 Millionen Zwangsarbeitskräfte, eine Aufschlüsselung befindet sich auf Seite 18 des Buchs. Eine Übersicht über die mindestens 426 ausländischen Arbeitskräfte und die mindestens 1409 Zwangsarbeitskräfte in Monheim, Baumberg und Hitdorf findet sich auf Seite 195. Übersichten über die Zwangsarbeits- und Kriegsgefangenenlager sowie die wichtigsten Arbeitgeber befinden sich auf den Seiten 137 bis 142. Mindestens 37 Zwangsarbeitskräfte starben hier, mehr als die Hälfte davon durch Kriegseinwirkung.

Zum Autor

Dr. Karl-Heinz Hennen, 69 Jahre alt. Promoviert in den Fächern deutsche und niederländische Philologie sowie Geschichte. Dreißig Jahre lang Leiter der Monheimer Volkshochschule und zuletzt zusätzlich Leiter des Fachbereichs Bildung, Kultur und Sport der Stadtverwaltung. Seit 2003 im Ruhestand.

Rund zwanzig Jahre lang nebenamtlich Lehrbeauftragter an der Universität Köln. Viele literaturwissenschaftliche, fachdidaktische und historische Publikationen. Frühere Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte (Auswahl): „Juden in Monheim – Von den ältesten Zeugnissen bis zur Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus“ (1988); „Monheim 1945–1949 – Kriegsende, Besatzung und demokratischer Neubeginn“ (1989, mit Horst Waldner).

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