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Monheim-Lexikon: Schelmenturm
Der Recke aus Stein wacht seit 600 Jahren über die Stadt
Ab 1274 erlebte Monheim eine dreimalige Befestigung durch die Grafen und Herzöge von Berg und zwei Schleifungen dieser Anlagen. Von der letzten Erneuerung der Befestigungsanlagen, ausgeführt um 1425 zum Schutz der Freiheit Monheim, zeugt bis heute der 26 Meter hohe Schelmenturm.
Während das steinerne Bollwerk die Monheimer Straßen und Häuser nach Osten hin abschirmte, gab es im Westen als natürlichen Schutz den Rhein. Er floss direkt unterhalb der Kirche St. Gereon und des Marktstiegs vorbei.
Bild: Bei dieser kolorierten Postkarte dürfte es sich um eine der ältesten Aufnahmen des Schelmenturms handeln. Indiz dafür ist die Schreibweise "Schelmenthurm"– das "h" nach "t" entfiel mit der Rechtschreibreform 1901. Die Karte wurde 1926 von Monheim nach Mannheim geschickt, mit Grüßen von Oskar, Jakob Schmidt und Papa. (Repro: Stadtarchiv)
Der rund 600 Jahre alte Schelmenturm hat seine mehr oder minder kriegerische Vergangenheit längst abgestreift. Auch seine Verwendung als Gefängnis und Spritzenhaus blieb Episode. 1779 gossen Martin und Peter Legros aus Malmedy für die Kirche St. Gereon drei Glocken im Schelmenturm. Für den Abtransport der Glocken wurde der bis heute bestehende Eingang an der Grabenstraße ins Mauerwerk gebrochen.
Dornröschenschlaf dauerte bis 1972
Vor dem ersten Weltkrieg pflanzte der damalige Obst-, Gartenbau- und Verschönerungsverein am Fuße des Schelmenturms rankende Gewächse, vermutlich Efeu. In den folgenden Jahrzehnten wucherte ein großer Teil der Mauerflächen zu. Wohl nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Blätterkleid wieder beseitigt.
Doch seinen Dornröschenschlaf hatte der Turm damit noch nicht beendet. Am 6. Oktober 1970 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, wie sich der Rat damals nannte, die Restaurierung des Schelmenturms. Dafür wurden 260 000 Mark bereitgestellt. Nach Abschluss der Arbeiten wurde der Turm am 20. Dezember 1972 seiner neuen Funktion als kulturelle und bürgerschaftliche Begegnungsstätte feierlich übergeben. Seither ist das Monheimer Wahrzeichen für die Öffentlichkeit zugänglich.
79 Stufen
"Quadratisch – eckig – einfach" fand der für den Umbau verantwortliche Architekt Erhard-Werner Richter das historische Bauwerk. Rund seien nur die Wendeltreppen, deren 79 Stufen manchen Gast aus der Puste bringen. Auch als Trauzimmer wird der Schelmenturm genutzt. Als erstes Paar traten dort am 1. September 2000 Bürgermeister Dr. Thomas Dünchheim und seine Frau Nicole vor den Standesbeamten.
Der Name "Schelmenturm" ist deutlich jünger als das Bauwerk. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist in Dokumenten meist nur vom "alten Thurm" oder "Thorthurm" die Rede. Als "Schelm" bezeichnete man früher nicht den fröhlichen Rheinländer, sondern die Spitzbuben und Verbrecher, die im Verlies schmachteten. Auch auf den Scharfrichter ging diese Benennung über – siehe Heinrich Heines Gedicht „Schelm von Bergen“.
Bild: Paul Clemen, der Begründer der rheinischen Denkmalpflege, hielt den Schelmenturm 1892 für sein Werk „Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz“ 1892 in dieser Zeichnung fest. (Repro: Stadtarchiv)
Über den „Scharf- oder Nachrichter“ schrieb Theodor Prömpeler in seiner 1929 veröffentlichten „Geschichte der ehemaligen Freiheit Monheim“ (S. 32): „Dieser wohnte in Ratingen und war für das ganze Herzogtum angestellt. Er bezog jährlich um 1425 drei Rheinische Gulden und seit 1555 drei Reichstaler vom Amte Monheim und im 18. Jahrhundert auch noch einen Reichstaler von der Freiheit Monheim“.
Weiter heißt es bei Prömpeler: „Als Gerichtsgefängnis diente der Schelmenturm, der nach dem wohl am häufigsten vorkommenden Vergehen auch Diebsturm genannt wurde.“
Die Folterwerkzeuge wurden vernichtet
Über das aus Backsteinen gemauerte Gebäude berichtete Prömpeler (S. 92): „Der Torbau ist 5,75 Meter lang und 4,25 Meter breit. […] Über dem ganzen Torbogen befindet sich die ehemaliger Torwächterwohnung, die heute als Transformatorenstation der elektrischen Leitung dient. Ihre Bedachung war früher stilgerechter, also spitzer als heute. Von außen führte früher eine steinerne Treppe zu der Torwächterwohnung hinauf. Von dieser hatte man den einzigen Zugang zu dem Innern des Schelmenturmes, in dem auch die Folterkammer untergebracht war. Die Folterwerkzeuge sind in den 1880er Jahren entfernt und vernichtet worden.“
Letztere Mitteilung verdanke er, so Prömpeler, dem „alten Herrn Wilhelm Menrath“. Der Historiker weiter: „Der Schelmenturm […] mißt außen im Geviert 9,25 Meter. Die Dicke der Mauern des Kellers und Erdgeschosses beträgt zwei Meter, die des 1. Stockwerkes etwa 1,50 Meter. Über dem Erdgeschoß, das ein massives Tonnengewölbe mit darüberliegenden Bohlen aufweist, erheben sich drei Stockwerke.“

Marienfigur und Wetterfahne
Die "Nische mit dem Marienbilde" über dem Tordurchgang hielt schon 1894 Paul Clemen, der Nestor der rheinischen Denkmalpflege, in seinen Aufzeichnungen fest. Die heute zu sehende Figur wurde 1959 aufgestellt.
Ihr Schöpfer war der Monheimer Bildhauer Heinz Püster, von dem auch das Mahnmal "Klagende Mutter" an der Freilichtbühne (Kapellenstraße) und der Brunnen auf dem Alten Markt (Turmstraße) stammen. Die achtzig Zentimeter hohe und vierzig Kilogramm schwere Plastik hinter dem Schutzgitter ist aus Kalksandstein.
Maria sei gleichsam Sinnbild der Stadt, verweist Udo Mainzer in seinem Buch „Stadttore im Rheinland“ (Neuss 1976) auf den Mönch und Chronisten Caesarius von Heisterbach (um 1180–1240). Kaum ein Tor verzichte auf einen Votivheiligen, dessen Standbild meist oberhalb des Portals in einer Nische Platz finde. Marienfiguren seien besonders zahlreich vertreten.
„Diese Heiligen sollten Schutz gewähren. Dass sie feldseitig wie stadtseitig angebracht sind, weist auf unterschiedliche Bedeutungsinhalte. Vom Heiligen zur Feldseite erhoffte man vermutlich Schutz vor dem Feind, während der zur Stadt hin dem, der sie verließ, Beschützer sein sollte“, erläutert Mainzer.
Auf dem Dach des Turms dreht sich eine Wetterfahne. Sie zeigt einen Löwen – das Wappentier der einstigen bergischen Landesherren, das auch im Monheimer Stadtwappen zu sehen ist. Im Turm befindet sich die Kleinplastik „Tierfabel“ von Rudolf Christian Baisch (1903–1990). Die sechzig Zentimeter hohe Bronzeplastik entstand 1965.
Letzte Änderung: 27. Juli 2010