Monheim-Lexikon: Wölfe
Meister Isegrim kam im Winter über den Rhein
Auch wenn es abenteuerlich klingt: Im heutigen Stadtgebiet haben einst die Wölfe geheult. Einen ersten Fingerzeig gibt uns die Wolfhagener Straße. Schon im wohl 1911 erschienenen „Adreßbuch für den unteren Landkreis Solingen“ war sie verzeichnet.
Sie wird damals ein schmaler und unbefestigter Weg gewesen sein, der die Verbindung zum heutigen Langenfelder Ortsteil Wolfhagen herstellte. Die Wolfhagener Straße dort und die Wolfhagener Straße hier sind heute durch die Autobahn 59 und zwei Baggerseen voneinander getrennt.
Lange noch blieb das eine abgelegene und einsame Gegend. In den 1950er-Jahren errichtete die Deutsche Bauernsiedlung GmbH (Düsseldorf) an der Wolfhagener Straße Wohnhäuser. Die Gesellschaft war auf „Nebenerwerbssiedlungen“ spezialisiert. Zu den Häusern gehörten große Nutzgärten, in denen Tierhaltung möglich war. Solche Anwesen errichtete die Deutsche Bauernsiedlung auch am Sandberg (heute Knipprather Straße / Brombeerhecke) und in Zaunswinkel.
Die Wolfhagener Straße zweigte damals direkt von der Berghausener Straße ab. Dieser Verlauf ist heute noch ab Höhe Benrather Straße in Richtung Grazer Straße erkennbar. Mit der anfänglichen Schotterpiste befasste sich am 8. März 1954 der Bauausschuss der Gemeinde Monheim. Anwohner hatten darum gebeten, ihre Straße „mit Kies oder sonstigem Material etwas zu verbessern“ und „für die Anfuhrkosten sämtliche Anlieger einschließlich Landwirte heranzuziehen.“
Da die Straße jedoch als „Interessentenweg“ eingestuft war, war eine Umlage der Kosten nicht ohne weiteres möglich. Amtsdirektor Hugo Goebel versprach, um „dem schlechtesten Teil der Straße wenigstens einigermaßen Untergrund geben zu können, die Beschaffung von Bahnschotter zu versuchen.“
Die heute im Stadtplan ausgewiesene Wolfhagener Straße hat mit der alten nur den Namen gemein. Um die Bauernsiedlung herum hat sich seit den frühen 1980er-Jahren das
Österreich-Viertel gelegt.
Einen rheinischen Gulden für den Wolfsjäger
Dass dort einst „Meister Isegrim“ umherstreifte, ist durchaus wahrscheinlich. „Nach der Hebeliste von 1425 des Amtes Monheim, zu dem ja auch Wolfhagen gehörte, hat der ‚Wolfjäger‘ zur Bekämpfung des Raubtieres jährlich einen rheinischen Gulden erhalten“, berichtete in den 1920er-Jahren Johann Berghöfer, evangelischer Pfarrer in Immigrath, in seiner Schrift „Orts- und Flurnamen der Gemeinde Richrath-Reusrath“.
Berghöfer gab indes zu bedenken: „Es ist auch möglich, dass ein Mann namens Wolf hier sein Anwesen baute.“ Darauf könnte „-hagen“ hindeuten, das etwas mit „einhegen“ zu tun hat. Der Namensforscher Heinrich Dittmaier erläuterte in seiner Untersuchung „Siedlungsnamen und Siedlungsgeschichte des Bergischen Landes“ (1956): „Ein Hagen ist ein Grundstück, das von einer wohl meist lebenden Hecke eingefriedigt und dadurch von seiner Umgebung abgesondert war.“

- Wolfsjagd, Stich aus dem 17. Jahrhundert
Otto Schell schrieb im Jahrgang 1927 des „Bergischen Kalenders“ (Verlag Johann Heider, Bergisch Gladbach) über „Wolf und Wolfsjagden im Bergischen“. Dem Autor waren die zahlreichen Orts-, aber auch Pflanzennamen mit „Wolf“-Bezug „ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Wolf einst ungemein heimisch in unseren Wäldern war. Heute lebt er nur noch in zahlreichen Sagen und anderm Volksgut.“
Schell berichtete, im Februar 1664 seien Wölfe in den Tiergarten von Schloss Benrath eingedrungen und hätten dort drei Hirschkälber und einen alten Hirsch gefressen. „Die Wölfe mögen damals im Winter, wenn der Rhein mit Eis bedeckt war, aus der Eifel herübergekommen sein“, so Schell.
Auch der Dormagener Landwirt Joan Peter Delhoven berichtet mehrmals von zumeist winterlichen Begegnungen mit Wölfen („Rheinische Dorfchronik des Joan Peter Delhoven aus Dormagen 1783–1823“, erschienen 1966 im Eigenverlag der damaligen Amtsverwaltung Dormagen):
- 19. Januar 1799 – „Man hat verschiedene Wölfe gespührt, unter ander zu Esch [Dorf südlich von Worringen] und im Stüttgen [Stüttger Busch nordwestlich von Zons]. Deswegen wurde heut von der Municipalität und den Förstern im Worringer Bruch Klopfjagd gehalten, doch nur 3 Füchse und einige Hasen geschossen.“
- 6. Januar 1811 – „Diesen Morgen waren zwey Wölfe aus dem Pulheimer in den Stommeler Busch gekommen. Beynahe 50 Treiber und Jäger von Hakenbroich und Stommeln hielten Klopfjagd. Erst am Abend schoss der Herr Franz Joseph Püllen von der Burg zu Hakenbroich die Wölfin davon an Brüngerrath.“
- 20. April 1811 – „Zu Stommeln haben gestern Nacht die Wölfe ein Pferd zerrissen.“
- 20. Januar 1812 – „Im Hakenbroicher und Stommelerbusch sind diesen Winter schon sieben Wölfe geschossen worden.“
Erst verschwanden Bär und Luchs, dann der Wolf
Der Wolf ist aus unseren Gefilden längst verschwunden, dasselbe Schicksal ereilte zuvor schon Bär und Luchs und noch früher Elch, Wisent und Auerochse. Seit der Mensch sesshaft geworden war und Viehzucht betrieb, betrachtete er das Großraubwild als Feind und begann mit dessen Vertreibung oder Ausrottung. Im 19. Jahrhundert ging die Zeit der einheimischen Wölfe zu Ende, so 1836 im Kottenforst bei Bonn und 1840 im Westerwald, wo ein 51 Kilogramm schwerer Rüde zur Strecke gebracht wurde. Die letzten
Wölfe in der Eifel wurden in den 1880er-Jahren erlegt.
In jüngster Zeit mehren sich Anzeichen für eine Rückkehr der Wölfe. So wurde im Februar 2012 im Westerwald erstmals wieder ein Wolf gesichtet. Die Richtigkeit dieser Beobachtung bestätigte sich auf traurige Weise, als am 21. April in Hartenfels im Westerwaldkreis der Kadaver eines jungen Rüden gefunden wurde – von zunächst unbekannter Hand mit einer jagdüblichen Waffe erschossen.
Zu dem schweren Verstoß gegen das Naturschutzrecht bekannte sich ein 71-jähriger Jäger, der sich selbst bei der Polizei meldete und angab, er habe das Tier für einen Hund gehalten. Die Untersuchung des Kadavers ergab, dass es sich um einen Wolf handelte, der aus Italien abstammte.
Letzte Änderung: 30. April 2012
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